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Hausarbeit zum Hörspiel „Zugriff“

 

Inhaltsverzeichnis

1.      Einleitung

2.     Idee und Entstehung des Textbuches

3.      Handlung und didaktischer Gehalt

4.      Technische Umsetzung

5.      Zusammenfassung

6.   Literaturangaben

 

1. Einleitung

Die Produktion eines Hörspiels in allen seinen Facetten ist ein schwieriges Unterfangen.

Da letztlich alle produktionsrelevanten Entscheidungen in unseren Händen lagen, war es nicht zuletzt eine Herausforderung, ein homogenes Produkt mit didaktischen Anspruch zu schaffen.

Die vorliegende Arbeit wird sich anfangs mit der Idee und der Entstehung des Textbuches befassen. Anschließend soll in einem zweiten Teil, die Intention der Autoren und der didaktische Gehalt, des Stückes näher beleuchtet werden.

In Folge wird die technische Umsetzung betrachtet, die ein großen Stellenwert einnahm, um ein „atmosphärisch dichtes“ Hörspiel zu schaffen. Eine kurze Zusammenfassung soll den Schlussteil dieser Arbeit bilden. 

 

2. Idee und Entstehung des Textbuches

Das Ziel der Seminargruppe war klar vorgegeben: Ein Hörspiel. Das beinhaltete vom konzeptionellen „Storyboard“ bis hin zur Mischung am heimischen Computer alle Arbeitsschritte. Das Ausmaß der Arbeit wurde uns allerdings erst später klar.

Der Beschluss eine eigene Handlung zu vertonen, zwang uns, als ersten Schritt einen äußeren Rahmen und eine Grundidee abzustecken.

Angelehnt an Bret Easton Ellis Buch „Einfach Unwiderstehlich“[1] wurde die selektive Wahrnehmung einzelner Personen, in ein und derselben Umgebung zum Ausgangspunkt unserer Anstrengungen.

In seinem Buch versucht Ellis den Alltag von Collegestudenten Mitte der 80er Jahre zu  zeigen, wobei das Portrait dieser Generation in keiner Vision oder Lösung mündet.

Ebenso sollte im Hörspiel „Zugriff“ der Zuhörer nicht „an die Hand genommen“ beziehungsweise von einem auktorialen Erzähler, als neutraler Fixpunkt, geleitet werden.

Die Wahrheit spiegelt sich in den Selbstwahrnehmungen der Protagonisten wieder und nicht explizit an einer sich selbst erklärenden Textpassage.

Das Mosaik aus Einschätzungen, Mutmaßungen und äußerer Handlung der Figuren, lässt Schlüsse zu, ist letztlich aber auch von der Wahrnehmung des Zuhörers abhängig.

Er verteilt Sympathie und Antipathie, versucht die einzelnen Personen, deren Vorbereitung auf den Abend sich überschneiden, einzuschätzen. Die Glaubwürdigkeit der Charaktere wird vom Zuhörer überprüft.

Anhand dieser Überlegungen wurde die äußere Handlung skizziert. Vorbereitungen auf eine Party, die Autofahrt zum Veranstaltungsort, sowie der Polizeizugriff wurden als Eckpunkte des Geschehens festgehalten. Die einzelnen Rollen verteilten wir gemäß des stimmlichen Vermögens der Gruppenmitglieder. Hierbei versuchten wir nicht durch eine außergewöhnliche Besetzung der Protagonisten den Fluss der Handlung zu stören. Die Rolle des Polizisten sollte beispielsweise an eine tiefe, entheger-klingenden Stimme vergeben werden. Die Charaktereigenschaften der einzelnen Figuren wurden grob bestimmt und die einzelnen Szenen festgehalten.

Der darauf einsetzende Schreibprozess gestaltete jedes Gruppenmitglied weitgehend autark, um einen Bruch in der selektiven Wahrnehmung der Partybesucher zu vermeiden. Die inneren Monologe stellten dabei den größten Teil des zu schreibenden Textes dar.

Die Dialoge wurden in Kleingruppen erarbeitet, sodass das der weitere Verlauf und das konkrete Ergebnis des Hörspiels auch für uns lange in der Schwebe war.

Anschlussfehler konnten durch die chronologische Folge der einzelnen Szenen nicht ganz vermieden werden. Diese Ungenauigkeiten, sowie zu konkrete Schilderungen und Aussagen der Protagonisten vielen der Zensur zum Opfer, um dem Zuhörer interpretatorischen Freiraum zu lassen. Ein „Sich -Wiederfinden“ oder ein reflexives Moment beim Zuhörer war Ziel dieser phantasiefördernden Maßnahme.

Das wesentlichste Merkmal eines Hörspiels ist die akustische Unmittelbarkeit, die durch eben diesen Freiraum noch verstärkt wird. Der Zuhörer findet sich wieder in der Geschichte, die er mittels Phantasie selbst gestalten kann. Da die optische Wahrnehmung vom Hörspiel eben nicht bedient wird, sollte die Einbildungskraft beispielsweise durch Schritte im Treppenhaus angeregt werden. Doch in welcher Farbe dieses Treppenhaus gestaltet ist, ob es Holz- oder Steintreppen sind, ob es nach Schimmel oder nach Essen riecht, bleibt alleine der Phantasie des Hörers überlassen.

3. Handlung und didaktischer Gehalt

Der Titel „Zugriff“ wurde gewählt, da der Zuhörer einerseits auf die selektiven Wahrnehmungen der Figuren „zugreifen“ kann und andererseits wegen der äußeren Handlung, die ihren Höhepunkt im „Polizeizugriff“ findet.

Der Zugriff auf die Personen sollte auch durch die kurzen Jingles und harten Schnitte plastisch gemacht werden. Dem Hörer wird klar, dass er nur Ausschnitte aus dem Leben der Figuren mithört und er sie nur ein kurzes Stück, also einen Abend begleiten kann.

Der „Zugriff“ beginnt mit dem Radiomoderator, der angewidert von seiner Arbeit die Partyveranstalterin Annika live in die Sendung nimmt. Der Radiomoderator bildet einen äußeren Rahmen um die eigentliche Handlung. Er ist zum Ende hin, die Instanz, die die Geschehnisse der Party zusammenfasst und den Zuhörer in die Realität zurück befördern sollte.

Bis auf den Nachrichtentext am Ende, besteht das Hörspiel aus „Momentaufnahmen“ der Figuren. Ein Spiegel, deren subjektiver Sinneseindrücke. Hierbei wird häufig klar, das die selektiven Wahrnehmung der Protagonisten nicht deckungsgleich sind. Die Erfahrungen sind widersprüchlich und von Fehlinterpretationen gekennzeichnet.

Ähnlich einem Mosaik sollte die Geschichte vom Zuhörer selbst zusammengesetzt werden. Welche Perspektive ist einleuchtend und welche der Figuren sind glaubwürdig, heißt die Frage, die er sich stellen sollte.

Durch das abwägen der Wahrscheinlichkeiten wird er dazu gebracht, seine eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, denn jeder Charakter hat einen Widerspruch zwischen dem Bild, das er von sich hat, und dem Bild, das die anderen Charaktere von ihm haben.

Annika ist zum Beispiel von dem netten Radiomoderator begeistert und schlussfolgert, er mache sein Job gerne. Was durch den inneren Monolog des Radiomoderators jedoch kurz vorher verneint wurde. Der Gegensatz zwischen sprecheigener Wahrnehmung und der Wahrnehmung der Außenwelt tritt von Anfang an in den Vordergrund.

Im Verhalten der „Freunde“ spiegelt sich dieses Motiv ebenfalls wieder. Die individuellen Partyvorbereitungen und die inneren Monologe lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass der ein oder andere Ressentiments gegenüber seinen „Freunden“ hegt, ohne das es der Betreffende zu spüren bekommt.

Marcel, der nach seinem Urlaub eigentlich keine Lust auf die Party hat, wird von Stefan genötigt mitzukommen. Marcel tut es als seine Pflicht ab. Dennoch verliert er gegenüber den Anderen kein Wort.

Ebenso erfährt der Zuhörer, dass Nina mit „Losern auf `ne Loserparty“ gehen muss,

wo sie nicht hin will. Ihr Eigenbild wird von Marcel bald als Narzissmus bezeichnet und relativiert.

Obwohl die (Selbst-) Wahrnehmungen der Protagonisten häufig weit auseinander gehen, kommt es jedoch nicht zu einer offenen Konfrontation. Und das trotz der extremen Situationen, in der sich die Figuren wiederfinden. Das volle Auto, die gutbesuchte Party oder die besetzte Toilette, schaffen einen äußeren Rahmen, in dem kaum Fluchtmöglichkeiten bestehen.

Nach dem Polizeizugriff erfolgt jedoch ein Umschwung, sowohl in der selektiven Wahrnehmung des Einzelnen, als auch im Umgang mit seinem Gegenüber.

Marcel unterhält sich mit der nicht mehr so „großspurig“ auftretenden Nina doch noch über seinen Urlaub und Stefan lässt von seinen Plänen ab Annika zu erobern und betrinkt sich daraufhin mit Thomas.

Auch der Kommissar, dessen Autorität niemand seiner Männer in Frage gestellt hat und der vor dem Einsatz aufgeregt und hochkonzentriert wirkte, ist nun resigniert.

Der Umschwung wird nur kurze Zeit beleuchtet und wieder bleibt es dem Zuhörer überlassen, ob die Figuren, aus einem Bedürfnis nach Harmonie heraus, weiterhin heucheln oder ob es einen tatsächlichen Stimmungswechsel innerhalb der Protagonisten durch das Schlüsselerlebnis Polizeizugriff gibt.

Das Hörspiel kehrt zurück an den Anfang. Der Radiomoderator verliest die Nachricht der gescheiterten Razzia und der Verwechslungsgeschichte. Der „Zugriff“ ist beendet und der Zuhörer, der kurze Zeit in das Innenleben der Partybesucher eintauchen durfte, gelangt wieder an Oberfläche.

Wenn verschiedene Zuhörer jetzt zu unterschiedlichen Ergebnissen und Interpretationen kommen sollten, hat das Hörspiel mehr als sein Ziel erfüllt. Dann stößt es nämlich an, reflexiv die eigene selektive Wahrnehmung zu hinterfragen.

4. Technische Umsetzung

Um eine dichte Atmosphäre zu schaffen, war uns sehr an der guten Umsetzung des Textbuches gelegen. Außerdem war es wichtig, die schlechten Sprecheraufnahmen  zu kaschieren. Der Hauptfehler, den wir bei der Umsetzung gemacht war insbesondere, dass wir zuerst im Hochschulradio und später privat aufgenommen haben, da wir nur begrenzt Zeit im Hochschulradio hatten. So konnten wir beispielsweise bei der ersten Aufnahme das Gesprochene nicht „gegenhören“.

Um das dynamische Element nicht zu verlieren wurden die Dialoge zu zweit eingesprochen, alle weiteren Sprechrollen sind einzeln aufgenommen worden.

Ein weiteres Problem bestand darin, dass wir im Radio nur Mono aufgenommen hatten, privat dagegen nur stereo möglich war.

Die erste Arbeitsphase nach den Aufnahmen war von Schneiden und Sortieren des Textes gekennzeichnet. Hierbei wurden kleinere Anschlussfehler behoben und im Zuge dessen die Chronologie der Szenen leicht verändert.

In einem zweiten Schritt wurden „Trenner“ eingefügt, die sowohl einen räumlichen als auch zeitlichen Sprung kennzeichnen. Wir benutzten kurze Jingles um „kleine Sprünge“ innerhalb der Szenen zu verdeutlichen; „größere Sprünge“ oder Szenenwechsel wurden mit einem entsprechenden längerem Jingle ausgestattet.

Bei der Auswahl der Jingles und Effekte wurden ausschließlich Samples verwendet, deren Rechte von den Künstlern[2] für diese Projekt freigegeben wurden bzw. Samples, deren Rechte ohnehin frei sind.

Darauf folgte eine Arbeitsphase, in der grundlegende Effekte eingefügt wurden. Wir arbeiteten von allgemeinen zu speziellen Effekten.

Ein Beispiel für die allgemeinen Geräusche sind die Halleffekte auf den inneren Monologen der Figuren.

Nicht nur um tatsächlich Gesprochenes von den Überlegungen der Protagonisten zu trennen, sondern auch um eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich der Einzelne verliert oder sich einsam fühlt. Das Gefühl der Sprecher stehe in einem großen leeren Raum, sollte hierbei dominieren.

Später folgten situationsabhängige Geräusche. Dabei lag das Hauptaugenmerk auf der „Dichte“ des Hörspiels. Um den Zuhörer zu führen, ohne explizit auf die räumliche Umgebung hinzuweisen, sind begleitende Geräusche bedingt notwendig.

Hierfür kann die Autofahrt der Partybesucher als Beispiel dienen. Ein einfaches Brummen genügte uns nicht.

Das anfahrende Auto wird allmählich lauter, der Zuhörer sieht sich in der Rolle einer Figur, die auf ein heranfahrendes Auto wartet. Das nächste Geräusch ist das bremsende und zum Stillstand kommende Fahrzeug. Die Türen werden geöffnet. Nun musste das Autogeräusch mittels des Programms Cubase verändert werden, um den Zuhörer zu suggerieren, er befände sich nun im Auto. Das anfahrende Fahrzeug, sowie das Radio und andere Effekte sind auf mehreren Spuren über die Sprecherstimmen gelegt worden, um eine realitätsnahe Atmosphäre zu schaffen.

Nachdem diese situationsabhängigen Geräusche eingefügt waren, musste die unterschiedlich lauten Spuren gemischt werden, um keinen Bruch im Hörfluss zu riskieren. Dabei achteten wir auch auf den äußeren Ablauf der Handlung, um diese noch dynamischer zu gestalten. Sehr schön gelungen ist der unmittelbare Weg zur Party. Der Gang vom Auto in das quietschende Treppenhaus und die langsam lauter werdende Musik der Party, unterstützen an dieser Stelle den Text trefflich.

Auf der Party werden die verschiedenen Standpunkte der Figuren, durch unterschiedlich laute Musik unterstrichen, da sie näher oder weiter von der Musikquelle entfernt stehen. Dies trägt ebenso erheblich zur Dynamik des Hörspiels bei.

Die technischen Umsetzung war so wichtig, da ein Bruch in der Handlung unter allen Umständen vermieden werden sollte. Bei der Umsetzung einer realistische Umgebung im Hörspiel nimmt des weiteren die Geräuschkulisse einen hohen Stellenwert ein, da sie im Gegensatz zu Fernsehproduktionen, sich nur der klangliche Elemente bedienen kann.

5. Zusammenfassung

Der „Zugriff“ befasst sich mit der selektiven Wahrnehmung einzelner, allgemeingehaltener Charaktere, die den selben Abend, am selben Ort aus verschiedenen Blickwinkeln erleben.

Das Hauptmotiv des Hörspiels sollte den Zuhörer sowohl an die Handlung fesseln, als auch zum Nachdenken animieren.

Sein Bewusstsein zu schärfen und sein Selbstbild zu hinterfragen, war wünschenswertes Ziel und die Intention der Autoren. Das diese Absicht nicht immer konsequent zu Ende gedacht wurde, ist wohl unserer Unerfahrenheit anzulasten.

Noch eine persönliche Bemerkung zum Schluss:  

Es hat sich gezeigt, dass ein Hörspiel auszuarbeiten ähnlich schwer ist, wie Regie am Theater oder im Film- und Fernsehbereich zu führen. Alle produktionsrelevanten Aufgaben lagen hierbei in relativ unerfahrenen Händen.

Ebenso stellten wir fest, dass es effektiver ist in Kleingruppen zu arbeiten, wobei es uns leider nicht gelang, die Arbeit gleichmäßig zu verteilen.

Letztlich war es nicht nur viel Arbeit das Hörspiel zu produzieren, sondern vielmehr eine interessante und lehrreiche Aufgabe.

6. Literaturangaben

Bret Easton Ellis: „Einfach unwiderstehlich“, 1. Auflage 2001, Kiepenheuer und Witsch, Köln

Henning Geisel, Melanie Choszik, Björn Tessnow,
Jennifer Ewert, Rene Stieler und Hannes Binder

Sommersemester 2002

 



[1] Ellis, Bret Easton: „Einfach Unwiderstehlich“,  1. Auflage 2001, Kiepenheuer und Witsch Köln

[2] Bassjingle mit freundlicher Genehmigung von SubSimplex.

Alle weiteren Geräusche mit freundlicher Genehmigung von Christian Müller.